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Seelenfutter

 

Worte, die trösten

Wenn ich mich verunsichert oder hilflos fühle, dann wünsche ich mir Zuversicht und Trost. Was ist das genau: Trost? Trost ist Nähe. Es kann die Nähe eines Menschen sein – wie sehr vermisse ich die körperliche Nähe von Menschen, die mich trösten allein dadurch, dass sie neben mir sitzen, mich umarmen oder meine Hand drücken. Zurzeit geht das nicht.

Dann kann es sehr tröstlich sein, sich an gute Worte zu erinnern und sie leise vorzusagen. Viele kennen ja Sätze aus dem 23. Psalm auswendig.

 Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.

Mir wirklich nicht: Haus, Garten, Essen, Sonne.

Aber anderen? Kein Dach über dem Kopf, kein Auslauf, kein Geld für Essen.

Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.

Ja! In diesen Tagen, ein Ja aus tiefster Seele. Satte grüne Wiesen, blühende Bäume, knospende Büsche.

Doch Bäche trockne aus, weil der Regen fehlt.

Er erquicket meine Seele.

Da zögere ich. Was erreicht meine Seele wirklich? Das angsterfüllte „Nie wird es wieder so, wie es war“ von außen

oder ein hoffnungsvolles „Fürchte dich nicht“ von innen?

Was lebt ganz innen drin und bewegt mich da?

Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.                 

Hoffentlich!

Und ob ich schon wanderte im finstern Tal,

Da werfen viele gerade einen Blick hinein.

Durch welches Tal muss ich wandern?

Durch welches meine Liebsten?

Wie finster wird es werde?

fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.

Ja, das ist doch die Hoffnung, dass du bei mir bist im dunklen Tal, mein Trost.

Und nein: Ich fürchte mich, fühle mich schutzlos wie selten zuvor.

Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.                 

Immer neu kann ich Feinde aufzählen, äußere und innere.

Jetzt sind welche dazu gekommen, nur unterm Mikroskop zu sehen, aber mächtig.

Was für ein Bild:

Ich sitze fröhlich essend am Tisch und die Viren umringen mich,

können mir den Appetit aber nicht verderben.

Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.                 

Tust du das? Darf ich hoffen? Wirklich?

Wann? Noch zu Lebzeiten oder dann?

Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.

So sei es.Amen!

Ihnen und Euch einen gesegneten Sonntag und viel Trost und Zuversicht in der neuen Woche.

Kirstin Kristoffersen

 

 

„Tretet in Jesu Fußstapfen und folgt ihm auf dem Weg, den er euch vorangegangen ist“. (1. Petrus 2, 22)

„Heute spielen wir ERWACHSEN“, sagt Lina.

„Wie meinst Du das denn – ERWACHSEN?“ –fragt Linas kleiner Bruder Tom.

„Na, eben erwachsen - so wie Mama und Papa!“

Und schon flitzen die Kinder los.

Lina klettert im Badezimmer auf das Waschbecken und sucht im Spiegelschrank nach Mama´s Schminksachen.

Tom ist bei den Eltern im Schrank und leiht sich eine Krawatte. Als er noch über die Farbe nachdenkt, fällt sein Blick auf die Schuhe. „Die brauche ich unbedingt, denn mit meinen Turnschuhen bin ich nicht erwachsen!“ Dann streift er Papas Hemd über. Das geht bis zum Boden. „Sieht doof aus“ - denkt er, „aber, da wachse ich noch rein und mit der Weste drüber ist es schon jetzt cool!“.

Lina steht mit Ihren 9 Jahren noch vor dem Spiegel und muss feststellen, dass

Schminken gar nicht so einfach ist.

Kajal für die Augen - „Hups, übergemalt!“

Lippenstift für den Mund – „wie schafft Mama es, das Zeug nur auf die Lippen zu schmieren?“

„Nix sieht aus wie bei Mama.“

Vielleicht hilft etwas Lidschatten - in BLAU - das passt zu dem Kleid. Sie hat sich das blaue kurze Seidennachthemd ausgesucht. Das ist noch von Oma. Das hatte sie beim Spielen schon öfter an. Mit einem Band um den Bauch sitzt es eigentlich ganz gut. „Jetzt noch Mamas lange Perlenkette und Lockenwickler ins Haar“.

Als Sie - in den höchsten Pumps die der Schuhschrank zu bieten hat - vor dem Spiegel im Flur steht, stolpert Tom dazu.

„Die Hose war einfach zu groß, aber das Hemd ist so lang, da kann ich auf die Hose verzichten.“

„Pass´ auf, dass Du nicht fällst mit Papas großen Schuhen.“ Lina mustert Ihren Bruder. „Das Gel in den Haaren steht Dir und die Weste auch. Du siehst toll aus.“

„Und Du erstmal - Richtig ERWACHSEN“.

Ich sehe die beiden genau vor mir, wie sie vor dem Spiegel stehen und ihr Werk betrachten.

Etwas befremdlich ist die Szene schon, denn nichts passt oder sitzt. Alles ist irgendwie zu groß.

So muss es Gott wohl auch gehen, wenn er uns anschaut.

Wie wir vor dieser Riesenaufgabe stehen.

Wir sollen in den Fußstapfen von Jesus unseren Lebensweg gehen.

Sind diese Fußstapfen nicht viel zu groß für uns und kommen wir nicht ständig ins Straucheln und Stolpern? So wie Tom mit den viel zu großen Schuhen seines Papas oder Lina bei Ihrem Versuch sich zu schminken wie Mama.

So stehen wir also vor Gott – so wie ein Kind - und er sieht uns an.

Liebevoll.

Zärtlich.

Er sieht wie wir uns bemühen – um Ehrlichkeit und Ausgeglichenheit.

Er sieht wie wir kämpfen – mit unserem Schmerz und unserer Traurigkeit.

Er sieht, wie wir manchmal zu grell sind und stolpern.

Aber hör´ doch, wie er ermutigend flüstert:

„Du machst das schon gut.

Geh´ den Weg weiter, auch wenn die Fußstapfen manchmal zu groß erscheinen.

Du wächst da schon noch rein!

Ich bin Dein Hirte und Dein Beschützer – ich wache über Dich.“

 

Mit dieser Zuversicht grüßt Euch ganz herzlich in dieser besonderen Zeit.

Eure Frauke Albers

 

Soweit der Himmel reicht

Predigt zu Jes 40, 26-31 (19.04.2020)

Ein heller Schrei reißt Yussuf aus seinem unruhigen Schlaf. Lange hat er noch nicht geschlafen, aber jetzt ist er hellwach. In manchen Nächten kann er ganz gut darüber hinweg schlafen. Heute nicht. Irgendwer träumt hier  immer schlecht. Er kennt es selbst nur zu gut. Manchmal wenn er schläft hat er das Gefühl er ist wieder da draußen, dann spürt er das Schaukeln der Wellen und den Moment der durchdringenden Kälte, die ihm fast das Herz stehenlässt. Schweißgebadet wacht er dann auf.

Durch den Schein der Straßenlaterne fällt ein wenig Licht ins Zimmer. Es reflektiert auf dem metallenen Bettgestell und wirft einen langen Streifen an die Wand. An einer Stelle blättert die Tapete langsam ab. Oben schläft Kemal, der redet nicht viel. Sie kommen gut aus. Haben Glück nur zu zweit in einem Zimmer zu sein. In der Ecke ein Stuhl und ein Tisch und ein kleines Regal, das teilen sie sich. Sie haben nicht viel. Nicht mehr.

Er spürt wie ihn das Heimweh packt. Oft kommt es ganz unerwartet und überrollt ihn wie ein Welle, die er nicht hat kommen sehen. Eine Menge Erinnerungen werden dann angespült. Seine Mutter, wie sie in der Küche steht und ihm erklärt wie man richtige Falafel zubereitet. Männer müssen das auch lernen sagt sie immer und zieht dabei eine Augenbraue hoch, weil er sie nicht ernst nimmt. Er sieht seine Schwester, wie sie ihn stolz angrinst und dabei mit der Zunge ihren ersten Wackelzahn hin und her bewegt. Er kann die Stimmen von Nuri und Hassan hören, wie sie ihn zum Fussball spielen rausrufen.

Und dann sieht er wie all seine Erinnerungen verschwinden, wie das Wasser, wenn die Ebbe es holt.

Er hat das Gefühl keine Luft mehr zu bekommen. Er muss hier raus. 

Leise um Kemal nicht zu wecken schlüpft Yussuf in seine Schuhe, nimmt seine Jacke vom Stuhl. Leise schließt er die Tür hinter sich. Im Flur hört er ein Gewirr aus Stimmen, ruhig ist es hier nie. Wenn er nachdenken will, dann geht er immer raus. Er streift durch den Abend die Luft ist angenehm und klar. Der Himmel ist heute von Sternen übersät.

Als Kind hatte er immer Angst vor der Unendlichkeit des Himmels, als wenn sie ihn verschlingen könnte. Klein und unbedeutend kam er sich dagegen vor.  Mittlerweile blickt er gerne in die Sterne. Klein fühlt er sich immer noch, aber auch verbunden.

Vielleicht sehen sie, seine Familie, seine Freunde, wo sie auch gerade sind, denselben Himmel. Dann kann er wieder besser atmen. Dann kann er wieder hoffen.

 

Hebt eure Augen in die Höhe und seht. Wer hat all diese geschaffen?Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden, dass sie laufen und nicht matt  werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

 

Heute ist unser Hochzeitstag denkt Else als sie morgens die Augen aufschlägt. Ein wohliges Gefühl fährt ihr durch den Körper. Der Bernhard wird sie bestimmt gleich zum Frühstück holen. Wenn er will, dann kann er ja sehr romantisch sein! Sie streckt sich nochmal, die alten Glieder brauchen morgens schon ein bisschen länger um in Schwung zu kommen. Sie streicht über die linke Bettseite, das Bettzeug unberührt und akkurat zusammengelegt. Niemand hat hier letzte Nacht gelegen, schon gar nicht Bernhard. Wie konnte sie das nur vergessen!

Sofort schießen ihr Tränen in die Augen. Das gute Gefühl vom Aufwachen ist in eine andere Zeit zurückgewichen. Auf einmal steht sie wieder auf dem kalten Zentralfriedhof. Regen durchdringt ihre Jacke. Um sie herum grau und grau. Die vertrauten Gesichter, die sie mitleidig anstarren, die Hände die sie schüttelt, das alles erscheint ihr wie gestern. Zehn Monate ist das jetzt schon her. Seitdem fühlt sich Else wie gefangen in einem Zwischenraum: zwischen ihrem Leben wie es vorher war, wie es bleiben sollte, und der entsetzlichen Leere, die jeden Tag versucht sie zu verschlingen. Sie dreht sich auf ihrem Kissen und schließt die Augen, versucht sich in den Schlaf zurück zu flüchten, aber das inzwischen tränenklamme Kissen hält sie davon ab. Mühsam steht sie auf und geht in die Küche. Sie fröstelt ein wenig, hat vergessen die Heizung anzulassen, wie es Bernhard immer gemacht hat. Sie kocht sich einen Kaffee und isst ihr letztes Brot. Trocken. Sie hat vergessen einzukaufen oder besser gesagt sie hat es einfach nicht geschafft. Unglaublich schwer fallen ihr diese alltäglichen Dinge mittlerweile. Früher hat sie all das geliebt, einkaufen, kochen, den Haushalt besorgen es ihr und ihrem Bernhard schön machen.

Sie schlurft in ihrem Morgenmantel in die Stube und dreht das Radio an. Geschichten von anderen Menschen lenken sie ganz gut von ihrer eigenen ab. Irgendwann nickt sie ein. Als sie aufwacht ist es bereits dunkel. Schade denkt sie, schlafen kann ich erst mal nicht. Wo sie sich sonst immer freut wenn der Abend kommt und ein Tag geschafft ist. Unruhig geht sie im Zimmer umher, halb acht zeigt die Uhr. Ihr Magen zieht sich zu einem unüberhörbarem Knurren zusammen. Es nützt nichts. Langsam zieht Else sich an und geht hinaus, einen Schirm für alle Fälle. Sie kann regen nicht ausstehen. Als sie den Supermarkt betritt ist sie überrascht wie viele Menschen um diese Zeit noch unterwegs sind. Auch auf dem Rückweg begegnen ihr viele Menschen. Ein wenig belebt durch den späten Ausflug nimmt sie den längeren Weg an der Nikolaikirche vorbei. Das versetzt ihr immer einen kleinen Stich. Hier haben sie geheiratet. Hier war auch die Trauerfeier vom Bernhard. Seitdem ist sie nicht mehr da gewesen. Von Gottes schützender Hand, wie es der liebe Pastor nach Bernhards Tod formuliert hat, hat sie auch nichts gemerkt. Überhaupt niemandes Hand war da. Else spürt ein Ziehen in der Brust und wendet sich schnell ab um weiterzugehen. Sie geht durch den Park und merkt, dass sie eine Pause braucht. Suchend blickt sie sich nach einer Bank um. Da vorne! Aber da sitzt schon jemand. Ein junger Mann. Sie zögert kurz, doch dann setzt sie sich mit ein wenig Abstand daneben. Schweigend sitzen sie nebeneinander und betrachten den Himmel.

„Geniale Erfindung, oder?“ sagt er leise zu ihr.  Irritiert schaut sie in seine Richtung. „Dass der Himmel so weit ist, dass man ihn überall sehen kann. Das muss sich doch irgendwer ausgedacht haben um uns zu zeigen, dass wir nicht alleine sind. Die vielen Sterne! Immer, wenn ich in den Himmel schaue und die vielen Sterne sehe, dann weiß ich meine Familie, ganz gleich wie weit sie jetzt weg sind. Sie blicken in den gleichen Himmel.“

Vielleicht stimmt das, denkt sie. Vielleicht leuchten die Sterne, damit sie sich hier unten nicht allein fühlen und vielleicht verbinden sie uns alle irgendwie miteinander und mit etwas Größerem? Vielleicht doch mit Gott?

Der Gedanke gefällt ihr.         Sie atmet einmal tief durch, braucht einen Moment um ihre Stimme zu finden. „Wollen sie etwas von meiner Schokolade?“ Dankend nimmt er sich etwas und reicht ihr die Tafel zurück. Freundlich sieht er aus und auch ein bisschen traurig.

Dann fragt sie ihn wo seine Familie ist und woher er kommt.

In dieser Nacht kann sie wirklich nicht schlafen, aber zum ersten Mal seit langem macht es ihr keine  Angst mehr.

Hebt eure Augen in die Höhe und seht. Wer hat all diese geschaffen?

Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden, dass sie laufen und nicht matt  werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

Jule weiß nicht was sie tun soll. Das Ergebnis ist eindeutig.

Ihr Entschluss nicht. Die halbe Nacht hat sie jetzt schon wach gelegen. Das Beweisstück hat sie auf ihren Schreibtisch gelegt. Immer wieder geht ihr Blick dorthin zurück. Sie blickt sich in ihrem Zimmer um. 8m² Studentenwohnheim. Ein Bad, das kleiner ist als jede Abstellkammer. Ein hellgrauer Einbauschrank, nicht schön, aber praktisch, dazu ihr kleines Bett und der Schreibtisch. In der Ecke stapeln sich Bücher. Platz für ein Regal ist nicht mehr.  An der Wand Fotos: Matze, der vor zwei Tagen nach Barcelona gegangen ist. Für ein Jahr hat er gesagt, wenn es gut läuft für immer und ein: „Tut mir leid, sollte ja eh was lockeres sein, zwischen uns“, nachgeschoben. Daneben sie mit ihren Freunden, letztes Jahr im Schwedenurlaub. Sie waren zusammen Kanufahren und Wildcampen. Das Gefühl war großartig, sie hat sich unglaublich frei gefühlt. Das Leben war so einfach, einen Platz zum schlafen suchen, Feuerholz und irgendwas zu essen kochen aus dem, was die Vorräte so hergeben. Nachts saßen sie immer am Lagerfeuer unter dem Sternenhimmel und haben über ihr Leben und ihre Zukunft geredet. Sich erträumt was alles möglich wäre. Unter der Weite des Himmels schien kein Traum zu groß. Damals hatte sie das Gefühl: Ich kann alles machen, was ich mir erträume. Jetzt ist dieses Gefühl wie aus einer anderen Zeit. Sie geht zum Schreibtisch zurück. Die zwei Streifen auf dem Test sind immer noch da. Unerbittlich in hellrosa. 

Sie fühlt einen Kloß im Hals, kann kaum atmen, sie braucht frische Luft.

Sie nimmt ihre Jacke und geht raus in den Park. Die Nacht ist mild, irgendwo hört sie eine Gruppe lachen, der Dunst eines fast abgebrannten Grills dringt zu ihr hinüber. Ihr Magen hebt sich, kriegt sich aber zum Glück wieder ein. Jule geht an der Wiese vorbei  auf der sie letzte Woche noch mit Matze gesessen hat. Eine Träne stiehlt sich ihre Wange herab. Wie gern hätte sie ihn jetzt hier. Sie geht weiter auf eine Bank zu und setzt sich dort hin. Sie ist noch ganz in sich versunken, betrachtet den Himmel voller Sterne. Unendlich weit. Und er sieht noch genauso aus wie im letzten Sommer!

Vielleicht sind auch ihre Träume noch nicht ganz verschwunden. Vielleicht kann sie trotzdem Jule bleiben. Die Sterne leuchten ihr entgegen, so fühlt es sich jedenfalls an. Wie kleine Taschenlampen, hat sich Jule früher vorgestellt. Und dort wo eine Taschenlampe leuchtet, da muss es auch jemanden geben, der sie anmacht, oder?

Mit einem Mal wir ihr etwas leichter. Ein warmes Gefühl breitet sich in ihrem Körper aus. Sie fühlt sich nicht mehr so allein. Auf einmal hat sie das Gefühl, dass sie es irgendwie schaffen kann. Wahrscheinlich wird es nicht immer leicht, denkt sie, aber irgendwie wird es gehen.

Sie schreckt hoch als sie jemand am Ellbogen berührt.

„Wollen sie auch von der Schokolade?“ fragt sie eine ältere Frau, die neben ihr auf der Bank sitzt. Ein junger Mann daneben. Waren die schon die ganze Zeit da? Fragt sich Jule. Ein komisches Paar denkt sie weiter, denn die beiden passen überhaupt nicht zusammen, scheinen sich aber zu kennen. Zumindest essen sie zusammen. Jule schaut die beiden irritiert an, nickt aber und nimmt sich ein Stück.

Lange sitzen sie noch zu dritt zusammen auf der Bank.

Wie alte Bekannte.

Hebt eure Augen in die Höhe und seht. Wer hat all diese geschaffen?

Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

Amen.

Ostern in Zeiten der Pandemie

Von drauß‘ vom Schacksee komm‘ ich her,

Ich kann Euch sagen, es ostert gar sehr!

All überall sah ich Menschengrüppchen

auf den wenigen Bänken sitzen.

In Pandemie-Zeiten frag‘ ich da mich:

Wie nah ist denn nun doch zu dicht?

Um Kranken und Alten COVID zu ersparen,

soll’n wir ja alle den Abstand bewahren.

Niemand zu umarmen, die Hand nicht geben,

all jenen, die nicht mit uns gemeinsam leben,

scheint schwer, fast unmöglich für manche zu sein,

besonders für jene, die ihr Leben allein

in einem Single-Haushalt verbringen.

Hilft es denen abends am Balkon zu singen?

Oder zeigt sich die Situation der Einsamkeit

nicht bloß noch viel übler zur Feierabendzeit?

Da hilft nur Geduld und viel Selbstdisziplin,

sonst rafft es die Nachbarin vielleicht bald schon hin...

oder den asthmakranken Sohn

der anderen Nachbarn? - Der kennt auch schon

Symptome wie Atemnot aus dem FF.

Der kann Dir gern sagen, was er hält vom Geäff

so mancher selbsternannten Fachleute,

die sagen, das ist keine schlimmere Seuche

als die jährliche Grippe, was soll das Geschrei

nach Masken, Medikamenten, Impfstoff und allerlei?

Naja: für die Grippe, da haben wir den

und sorgen doch sehr für unsere Alten

und für die verschiedenen Vorerkrankten..

und nun weisen wir gerade die in die Schranken?

Wer sich nicht beschränken für andere will,

der verlässt die Gesellschaft nicht leise und still.

Auf den sollte man ruhig aufmerksam machen!

Die „schnelle Durchseuchung“ und ähnliche Sachen,

die jetzt manche fordern, zum Wohle der Wirtschaft,

wird nämlich zu Lasten der Schwächsten nur geschafft.

Dann fehlen uns Omas und Opas schon bald,

und manch‘ Kind, manche Mami, und neues Geschrei erschallt:

Wo sind sie bloß geblieben

unsere Freunde und Lieben,

die Krankheiten hatten, wovon wir nichts wussten,

wegen deren Schutz wir kurzarbeiten mussten?

Wenn wir alle unsere Verantwortung tragen

und ja zu dem Leben eines jeden heute sagen,

ist klar wie der Weg eine Zeit lang noch geht:

dorthin, wo der Wind des Verständnisses weht,

der Geist der Fürsorge und inneren Gemeinschaft,

der stärker sein kann als des einzelnen „Alleinschaft“,

der Einsamkeit überwindet mit Spiritualität

und Leben verbindet mit Kreativität,

er möge uns geleiten durch die Corona-Zeit

und danach bei uns bleiben für mehr Gemeinsamkeit!

So hebt Eure Angst auf und regt Euch mal ab:

So wie Jesus aufstieg aus dem dunklen Grab,

so können wir auch aufstehen und mit kleinen Zeichen

in Pandemie-Zeiten oft wunderbares erreichen.

Der Nachbar wird dankbar, das Asthmakind fröhlich -

und wir alle singen und tanzen bald selig:

Vorbei ist die Zeit der Corona-Pandemie.

Wir haben Leben gerettet wie vorher noch nie -

und können darauf stolz sein und glücklich darüber

und niemals vergessen: Es hält einer über

uns allen und jedem seine schützende Hand,

nicht nur hier bei uns, sondern in jedem Land!

Das wird ein Fest, wenn wir das erst erkennen!

Das kann man zu jeder Zeit Ostern dann nennen!

 

Christiane Kunst, 12.04.2020

Katharina Fried

 

 

Christus ist auferstanden!

Die ersten Sonnenstrahlen konnten die Kälte der Nacht noch nicht vertreiben.

Kühl war es noch zwischen den Häusern und auf dem Weg hinaus zu den Gräbern.

Darum zogen die Frauen die Tücher noch enger zusammen, in die sie sich eingehüllt hatten. Zu dritt hatten sie sich schon früh aufgemacht.

Viel zu reden hatten sie nicht auf dem Weg. Sprachlos waren sie nach all dem, was sie mit ansehen mussten.

Wie Jesus am Kreuz starb. Und dann ins Grab gelegt wurde.

Ihre Blicke fielen leer zu Boden. Ihre Hände umklammerten das Gefäß mit dem Öl zum Salben des Leichnams.

Ein letzter Liebesbeweis, den sie dem toten Jesus zeigen wollten.

Erst als sie dem Grab näher kamen, dachten sie an den Stein.

„Ob wir überhaupt zu ihm gelangen können? Wer wälzt uns den Stein weg?“

Und während sie darüber nachsannen, wurde dieser Stein in ihrer Vorstellung immer größer und mächtiger. O je!

Und dann, erst als sie schon direkt vor dem Grab waren, hob sich ihr Blick wieder. Und sie erschraken.

Das Grab war anscheinend aufgebrochen worden. Der Stein weggewälzt. Und sie gingen hinein in die Grabkammkammer.

Tatsächlich: Den toten Jesus konnten sie nicht finden.

Aber eine Gestalt ist da, die sie anspricht: „Fürchtet euch nicht!

Er ist auferstanden. Er ist nicht hier. Er wird vor euch hergehen nach Galiläa.“

Das brachte die Frauen nun vollends durcheinander.

Erschrocken liefen sie von dem Grab so schnell sie konnten.

 

So endet die Ostergeschichte im Markusevangelium. Mit Angst. Mit Ungewissheit.

Und diese Ungewissheit bringt Phantasien hervor, was passiert sein könnte oder noch Schlimmeres daraus werden könnte.

Aber da ist auch die Stimme, die nachklingt: Er ist auferstanden!

Ihr findet ihn, dort wo euer Leben sich abspielt. In eurem Ort, an dem ihr zu Hause seid.

Macht euch auf den Weg, er geht euch voran. In eurem Alltag. In eurer Familie. Bei eurer Arbeit.

Er geht euch voran und ihr dürft ihm nachfolgen. Der Auferstandene lässt sich finden.

Wie lange es gedauert hat, bis ihnen die Augen das erste Mal aufgingen?

...bis sie begriffen: Er ist auferstanden!

...bis sie sich trauten, es auszusprechen, was als Hoffnung in ihnen keimte;

...und dann zum Bekenntnis wurde, das sie erst einander anvertrauten und dann auch offen und frei heraus sagten.

Christus ist auferstanden! Er lebt mit uns.

In unseren Hoffnungen und unseren Sorgen. Er lebt in allen liebevollen Gedanken und Taten. Er öffnet die Herzen und kann Trauer in Zuversicht wenden.

Ja, Ostern mutet uns etwas zu. Gerade in diesem Jahr. Aber noch nie war der Auferstehungsglaube billig zu haben.

Erst durch den Weg der Bedrängnis, durch Trauer und Schmerz. Und den Blick ins Grab.

Daraus wird der Aufbruch möglich, den Gott uns zeigt und zutraut.

Darum fürchtet euch nicht! Christus ist auferstanden!

 

Martin Goetz-Schuirmann

 

Karfreitag

 

 

Eine nette, junge und geduldige, Kassiererin wünscht mir „Frohe Ostern“ als ich heute am Gründonnerstag noch den Rhabarber kaufe, den ich vergessen hatte – für einen Osterkuchen. „Danke ihnen auch“ erwidere ich und trage den Rhabarber durch die Sonne hindurch nachhause.

So froh kann ich gerade nicht sein: Heute früh erreichte mich die Nachricht, dass ein Kollege, mit dem ich in einer Vikariatsgruppe war, gestern an Krebs gestorben ist. Werde ich von dem fröhlichen Tommi Abschied nehmen können? In diesen Zeiten wahrscheinlich nicht.

So froh kann ich gerade nicht sein:

Tief in mir ist verwurzelt, dass diese Tage – Gründonnerstag, Karfreitag, Samstag – bevor wir in einen befreienden Osterjubel ausbrechen können, eine sehr eigene Prägung haben. Besonders der Karfreitag war früher ein stiller Tag, der mich als Kind und Jugendliche immer tief und intensiv berührte – gerade auch die Gottesdienste.

Heute hat der Karfreitag diesen eigenen Charakter weitgehend verloren. Doch in der Kirche, in diesem Jahr ohne Gottesdienst, schweigen Glocken und Orgel, der Altar leer, Flügelaltäre zugeklappt, Kerzen ausgelöscht, im Binsenort verdeckt ein riesengroßer Stein den heiligen Ort.

Zu Recht.

Es ist ein Tag zum Heulen. Karfreitag kommt vom althochdeutschen „kara“ und bedeutet Trauer, Klage, Kummer. Jesus wurde als Gotteslästerer und Aufrührer an den römischen Statthalter Pontius Pilatus überstellt. Der fand keine Schuld an ihm, ließ ihn aber aufgrund des öffentlichen Drucks auf Golgatha, einem Hügel bei Jerusalem, qualvoll kreuzigen.

Dass sogar Jesus Verrat, Gewalt, Einsamkeit, furchtbare Qualen erleben muss!

Warum lässt Gott das zu? Was ist das für ein Gott-Vater, der seinen Sohn so leiden lässt? Wenn Gott allmächtig ist, warum greift er nicht ein?

Ich habe darauf keine Antwort, ich weiß es nicht. Aber ich muss auch Gott nicht verstehen. Ich muss nicht verstehen, warum damals an Karfreitag alles so geschehen ist, wie es geschehen ist.

Viel wichtiger ist mir zu erkennen, dass Gott in Jesus eine totale Umkehr der Dinge zeigt: Der Tod, die Gewalt, die Macht laufen ins Leere.

Jesus starb, weil er eine Gefahr darstellte, politisch und religiös. Er starbt aus innerweltlichen Gründen und weil er sich nicht wehrte, nicht weglief, nicht Böses mit Bösem vergalt und weil, so glaube ich, Gott in besonderer Weise mit diesem Jesus war.

Mit der Erinnerung an Karfreitag ist das Leiden in unserem Leben, in dieser Welt bis heute hin eben nicht vergessen, nicht verdrängt, nicht das Scheitern und Trauern, nicht das Schuldigwerden und Verloren fühlen. Dass wir als Christinnen und Christen jedes Jahr wieder das Leiden bedenken, ist der Kern des Christentums: Wir sind keine Religion der Siegenden, ewig Fröhlichen, ewig Tanzenden, sondern wir glauben an einen Gott am Kreuz, paradox und unverständlich.

An Ostern können wir auf den Gräbern tanzen, weil der Tod seine Macht verloren hat. Aber vor dem Färben der bunten Eier als Zeichen der Auferstehung steht das Innehalten und das Wahrnehmen, was ist, zu dem Leiden und Sterben dazu gehören. Der christliche Glaube verklärt das Leiden nicht, sondern hält den Protest dagegen hoch. So werden die Leidenden nicht allein gelassen, denn Gott stirbt jeden Tod mit, und wir können gemeinsam nach Heil suchen.

Ja, der Tod gehört zu unserem Leben. Oft sterben geliebte Menschen oder Freundinnen und Freunde viel zu früh. Aber trotzig dagegen an glauben wir an einen Gott, der Leben schenkt über den Tod hinaus.

 

Einladung zum Gebet nach Worten von Lyida Lauch

Jesus, du Friedensbringer,
gib uns deinen Frieden in unsere Angst,
dass unsere Herzen nicht erschrecken.
Du bist doch unser Friede heute und allezeit!

 

Jesus, du Liebhaber,
deine Liebe fordert uns aus der Ohnmacht heraus
und ruft uns zum Miteinander in deinem Namen.
Erinnere uns, dass wir in der Liebe bleiben.

 

Jesus Du Ermutigender,
Du hast uns erwählt, hinauszugehen, hinzusehen, mitzugehen,
aufzustehen für Gerechtigkeit und Wahrheit.
Feuere uns an, dir auf deinem Weg zu folgen!

 

Jesus du Überwinder, ans Herz legen wir dir
die schreienden Kinder auf der Flucht,
die Ohnmächtigen in der Heuschreckenplage in Ostafrika,
die vielen Toten durch das Virus in der Welt.
Wann wirst du Leid und Schmerz besiegen?
Wie können wir DIR helfen?

 

Jesus du Kommender, öffne deine Ohren
für das Seufzen der bis zur Erschöpfung für andere Sorgenden!
Höre wie die Kranken nach Luft ringen!
In deine Arme nimm die, die sich von ihren Verstorbenen nicht verabschieden dürfen.
Wann wird sich unser Herz wieder freuen?
Komm, sei wieder unser Freudenbringer!

 

Jesus du Lebendiger,
es ist schwer zu leben in Angst und Krankheit und Tod.
Zeig uns, wie wir weiterleben können in dieser Zeit!
Du bist die Auferstehung und das Leben heute und für immer!

Amen

 

Kirstin Kristoffersen 

 
 
 

Seelenfutter für die Woche vor Ostern

"Was zählt für dich?"

 

 

Sarah steht in der Küche und schneidet gerade Käse und Wurstscheiben fürs Frühstück. Das Gemüse ist schon fertig. Gleich noch die Auslage befüllen, dann kann der Tag so richtig beginnen. Gäste hat sie ja momentan nicht besonders viele, aber vielleicht kommt das Café bald in Schwung, wenn die Tage wärmer werden und sie auch Stühle nach draußen stellen kann. In Gedanken an den Sommer vertieft hört sie die Glocke an der Tür gar nicht. Als sie ein paar Minuten später in den Gastraum tritt erschrickt sie.

 

Ein älterer Mann hat sich an einen der Fenstertische gesetzt. Eigentlich an den „Einen“. Seit fast einem Jahr kommt er täglich in ihr Café und sitzt immer am gleichen Tisch. Er bestellt immer das gleiche: Ein kleines Frühstück und einen schwarzen Kaffee. Er isst nicht viel und bleibt lange. Eigentlich nicht gut fürs Geschäft, aber wenn er alleine dasitzt und aus dem Fenster schaut, dann bringt sie es auch nicht fertig ihn wegzuschicken. Tag für Tag ist er da. Er ist immer ihr erster Kunde und manchmal auch ihr einziger. Er nimmt immer das günstigste Essen auf der Karte. An seinen abgetragenen Schuhen und der geflickten Hose, kann sie erkennen, dass er sein Geld zusammenhalten muss.

 

Sie weiß nichts über ihn, nicht mal seinen Namen. Obwohl er streng genommen der Mensch ist, mit dem sie die meiste Zeit verbringt. Von einer eigenen Familie ist sie leider weit entfernt, nicht mal zu einer richtigen Beziehung hat sie es bisher gebracht.

 

Ganz in Gedanken über ihr eigenes Leben, hört sie nicht, dass der Mann sie anspricht: „Nun setz dich doch endlich zu mir Margot.“

 

„Bitte was?“ entfährt es Sarah. Sie setzt an zu widersprechen, will sagen, dass sie nicht Margot sei, sondern Sarah.

 

Aber dann blickt sie in seine Augen, die sie voll Wärme ansehen und bringt es nicht übers Herz.

 

„Du hast dir doch immer gewünscht, dass wir mal ein Café in der Nachbarschaft haben. Ist doch richtig schön hier, oder? Was willst du essen? Heut ist ein besonderer Tag. Lass uns alles bestellen.“ Voll Vorfreude wandern seine Augen die Karte entlang.

 

Sarah muss schlucken. Sie weiß wie der Mann jeden Tag nach seinem Geld sucht und ein paar Münzen zusammenklaubt um sein Essen zu bezahlen. Nie hat er genug um die ganze Karte zu bestellen!

 

Trotzdem macht sie sich auf den Weg in die Küche und kehrt wenig später mit einem reich

 

beladenen Tablett voller Köstlichkeiten zurück. Sie verteilt alles auf dem kleinen Tisch zwischen

 

ihnen. Als sie sich wieder hinsetzt ist sie selbst erstaunt, was so ein Frühstück alles bieten kann und

 

wie wenig sie sich selbst meist gönnt.

 

Der alte Mann greift beherzt zu. Mit diesem Appetit hatte sie ihn noch nie essen sehen.

 

Zwischen zwei Bissen blickt er sie wieder an. Ein Blick, der ihr ans Herz geht. „Weißt du noch wie wir uns das erste Mal getroffen haben? Du wolltest erst nicht, aber dann hast du vor Aufregung ganz rote Flecken im Gesicht bekommen und ich hab gewusst, dass ich es weiter versuchen durfte.“

 

Sarah sieht ihm an, dass er gerade in einer ganz anderen Zeit ist, zu der sie eigentlich nicht dazugehört. Trotzdem fühlt sie ein Stück von seinem Glück auch in sich. Seine Erinnerungen, die gar nicht ihre sind, stehen ihr so lebendig vor Augen, dass sie gar nicht mehr über sich und ihre Sorgen nachdenkt. Sie lässt sich ganz mitreißen von den wundervollen Momenten.

 

Erschrocken fährt sie hoch als die Türglocke durch den Laden klingt. Sie blickt auf und sieht eine

 

Gruppe von Leuten, die interessiert in ihr Café blicken. Ein Traum! Schnell steht sie auf und geht

 

auf sie zu: „Entschuldigung heute haben wir geschlossen!“

 

„Aber…“ setzte die Frau, die die Türklinge noch in der Hand hält an und blickt sich im nahezu

 

leeren Café um. Sarah tritt auf sie zu und zuckt entschuldigend mit den Achseln. Dann dreht sie das

 

Schild an der Tür auf „geschlossen“ und schließt die Tür hinter sich.

 

Eigentlich hatte sie sich genau das gewünscht: Neue Gäste. Ein volles Café.

 

Aber nicht heute!

 

Sie setzt sich schnell an ihren Platz zurück, wo sie weiterhin dem Leben eines Anderen lauscht mit

 

dem sie sich nun seltsam verbunden fühlt.

 

Als sie beim Blick auf die Straße irgendwann nicht mehr die vorbeieilenden Passanten, sondern ihr

 

eigenes Spiegelbild erblickt, merkt sie wie spät es schon ist. Auch der alte Mann schreckt spürbar

 

auf, als er in die Dunkelheit blickt. Verwundert reibt er sich die Augen, die sie nun wieder traurig

 

und ein wenig verloren anblicken. Erschrocken sieht er die vielen Teller und Schüsseln auf dem

 

Tisch. „Was bekommen sie denn?“ fragt er zögernd.

 

„Nichts“ sagt Sarah schnell. „Danke“ antwortet er mit einem traurigen Lächeln.

 

„Meiner Frau hätte das Café hier sehr gefallen“ sagte er beim Weg zur Tür.

 

 Für einen kurzen Moment sieht sie noch einmal das helle Aufleuchten in seinen Augen, dann tritt er

 

hinaus. Sarah seufzt tief als sie die Tür hinter ihm schließt. Eine Träne rinnt ihre Wange hinab als

 

sie den Tisch abräumt. Sie weiß, dass sie ihn nicht wiedersehen wird. Und doch ist sie glücklich

 

diesen Tag nicht verpasst zu haben.
Lies dazu auch im Bibeltext Mk  14,3-9.

 

Eine gesegnete Woche!  Eure Katharina Fried, Vikarin in der Auferstehungskirchengemeinde 

 

Seelenfutter für die fünfte Woche der Passionszeit

"Auf der Durchreise"

Ihr Lieben

Auch in Zeiten von Corona, wo doch alles so unnormal ist, tut es gut ein wenig Normalität zu wahren. Die Normalität nämlich, sich wie jeden Sonntag von Bibeltexten berühren zu lassen, ohne angefasst zu werden, was gerade verboten ist.

Seelenfutter nennen wir es.

Sonntag Judika heißt der fünfte Sonntag der Passionszeit.

Gott, schaffe mir Recht“, so beginnt der 43. Psalm, woher dieser Sonntag seinen Namen hat.

 

Ich höre die Schreie nach Recht und Gerechtigkeit immer inständiger und dringender:

Im Blick auf die Geflüchteten, insbesondere der festsitzenden 40.000 Menschen in den völlig überfüllten Lagern auf den griechischen Inseln.

„Wo wir uns besonders häufig und gründlich die Hände waschen, müssen sich in Moria auf Lesbos 1300 Menschen den Wasserhahn teilen. Seife gibt es nicht.“ (Brief der Flüchtlingsbeauftragten der Nordkirche vom 18.3.20).

„Gott schaffe ihnen Recht“.

Auch im Blick auf unser wirtschaftliches Handeln – Konsum, Lieferketten, fairer Handel, Rohstoffe – und die weltweiten Verflechtungen, die plötzlich in Zeiten des grenzenlosen Virus, auch bedrohlich deutlich werden.

Gott schaffe Recht“.

Wir haben noch einen zweiten Text an diesem Sonntag, der mich berührt.

Der Predigttext für den fünften Sonntag in der Passionszeit findet sich im Buch an die hebräischen Gemeinden, im Kapitel 13:

 

„Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, aber die Zukünftige suchen wir.“

 

Was für ein Trost.

Als Christinnen und Christen stehen wir in der Nachfolge Jesu fest im Leben und haben all unsere Aufgaben und Nöte im Blick. Ich weiß, was in meiner „Stadt“ zu tun ist. Zugleich glauben wir aber auch, dass Gottes Welt viel, viel, viel mehr und größer ist, und dass jede und jeder einzelne nur auf der Durchreise ist.

Dazu eine kleine Geschichte:

 

Ein reicher Tourist besichtigt ein Kloster. Ein Mönch zeigt ihm freundlich und fröhlich Kapelle und Refektorium, Kreuzgang und Bibliothek. Wo er denn wohne, so ganz privat, erkundigt sich der Tourist; und der Mönch zeigt ihm seine Zelle, klein und sehr bescheiden eingerichtet. „Ja, aber …“, wundert sich der Tourist und fragt: „Wo haben Sie denn Ihre Sachen?“ – „Wo haben Sie Ihre Sachen?“, fragt der Mönch den Touristen. Seine Antwort: „Ich bin ja nur auf der Durchreise.“ – „Ich auch“, erwidert der Mönch.

 

Auf der Durchreise sein – durch Überforderung, Wut, Sorge und Angst hindurch. Lasst uns reisen. Es wird weitergehen. Anders.

Wir können und sollen dazu beitragen und all den Einsatz zeigen, zu dem wir fähig sind. Weil wir wissen: Wir sind nicht allein. Gott ist bei uns und Gottes Gemeinde ist groß.

Es wird weitergehen, mit uns, nach uns, und sogar nach allem, was vorstellbar ist.

Gottes Gemeinde, Gottes Welt, Gottes Stadt ragt weiter in die Zukunft als wir denken können.

Was für ein Trost.

 

Der 43. Psalm – unser Wochenpsalm - endet übrigens so:

 

Was bist du so bedrückt, meine Seele?

Warum bist du so aufgewühlt?

Halte doch Ausschau nach Gott!

Denn gewiss werde ich ihm noch danken.

Wenn ich nur sein Angesicht schaue,

hat mir mein Gott schon geholfen.

 

Bleiben Sie behütet wünscht Ihnen

Kirstin Kristoffersen

 

 

Seelenfutter für die vierte Woche der Passionszeit

"Liebe wächst wie Weizen"

"Liebe wächst wie Weizen und ihr Halm ist grün"

 

Ihr Lieben,

es ist Sonntag.

Aber in unserer Kirche wird kein Gottesdienst gefeiert.

So wie letzte Woche auch schon.

Und in den kommenden Wochen.

Also schlage ich jetzt für mich und auch für euch die Bibel auf an der Stelle, wo der Predigttext für diesen vierten Sonntag der Passionszeit steht.

Im Buch des Profeten Jesaja, im Kapitel 66.

Wir hören die Worte:

„Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle die ihr sie lieb habt!

Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid. Denn so spricht der HERR: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet;

ja ihr sollt an Jerusalem getröstet werden.

Ihr werdet’s sehen und euer Herz wird sich freuen,

und euer Gebein soll grünen wie Gras.“

 

Wie fantastisch.

Was uns da alles versprochen wird!

Freude, Trost, Gesundheit, Frühlingsfrische…

Der Profet ermuntert dazu, sich ganz in das Vertrauen fallen zu lassen, dass alles gut wird.

Ich frage mich: Kann das zielführend sein in unserer Situation? Dieses kindliche Vertrauen?

 Der Reihe nach.

Erst einmal setzt dieser Bibeltext voraus: Nichts ist so, wie es sein soll.

Keine Normalität. Sondern Zeit der Krise. Bedrängnis.

Und: Die Ratschläge der Männer, der Experten, der Macher, die sonst alles vorantreiben, einschätzen können, wissen wies läuft – nichts davon bietet mehr Verlässlichkeit für heute. Oder eine Perspektive für morgen.

Was vor zwei Tagen galt, ist heute schon überholt.

Eine „dynamische Entwicklung“.

So erleben wir es auch in diesen Tagen.

Selbst ein Christian Drosten muss sich immer wieder mal korrigieren (und er kann es!).

Und dem trauen doch viele sogar zu, „dass er Kanzler kann“.

Er lehrt uns, einen klaren Kopf zu bewahren.

Die Erwartung an Gott reicht deutlich weiter.

Er will uns trösten wie einen seine Mutter tröstet.

Die einen in die Arme nimmt. Ohne soziale Distanz. Mit physischer Nähe. Nicht sachlich, sondern empathisch und liebevoll.

Der HERR – Er, so ganz mütterlich ersehnt durch die Worte des Profeten.

Da deutet sich etwas an, das sich gestern noch niemand vorstellen konnte.

Wie sauberes Wasser in den Lagunen Venedigs.

Wie Delfine, die sich wieder an die Küsten des Mittelmeeres trauen.

Wie Lohnfortzahlung im Krankheitsfall für Beschäftigte in den den USA.

Wie Wertschätzung mit Standing Ovations für die Menschen, die unsere Grundversorgung sichern.

Es geschieht etwas, jetzt schon.

Mitten in der Bedrängnis. Und aus der Bedrängnis heraus.

Was wird davon nachhaltig bleiben für unser Zusammenleben?

Wird die Unterbrechung des Alltags eine neue Sicht bringen?

Werden wir die Schöpfung aufleben lassen?

Werden wir etwas von der Reduzierung unserer Lebensvollzüge dauerhaft als Gewinn verbuchen können?

Noch wissen wir nicht, welche schmerzhaften Verluste uns diese Corona-Krise bringen wird.

Vielleicht sprechen wir später einmal von der Corona-Wende.

In dem Lied für diese Woche heißt es:

Korn, das in die Erde, in den Tod versinkt,

Keim, der aus dem Acker in den Morgen dringt.

Liebe lebt auf, die längst erstorben schien.

Liebe wächst wie Weizen und ihr Halm ist grün.

Dieses Bild bindet uns ein - mit Leiden und Hoffnung - in den großen Zusammenhang des Lebens.

Es gibt keinen Weg zurück in den Körper, aus dem wir hervorgegangen sind. Es gibt keinen Ort ohne Not.

Aber es gibt diesen Leitfaden der Liebe.

Als Kern unseres Glaubens.

Das ist die mütterliche Seite Gottes.

Aus ihr kann erwachsen, dass das Versprechen von Freude und Trost in Jerusalem nicht wie Hohn und Spott klingt. Darauf lasst uns vertrauen.

Mit herzlichen Grüßen am Sonntag Lätare, den 22.03.2020,

von Martin Goetz-Schuirmann

 

 

 

Lieber Gott,

mach uns sanft wie die Tauben und klug wie die Schlangen,

schön wie die Pfauen und weise wie die Eulen.

Mach uns munter wie die Fische im Wasser

und emsig wie die Bienen,

stark wie die Löwen

und flink wie die Wiesel.

O.K., vielleicht  ist das ein bisschen viel auf einmal.

Aber dann bitten wir dich doch

für dieses Weihnachten:

Mach uns ein wenig verspielt wie die Tierkinder

und lass uns dir nahe sein

als Kind in der Krippe,

als Gott ganz nahe bei uns,

du Menschenkind,

für uns aus dem Himmel auf die Erde gesand.

Amen.